Bockendes Klickvieh blockiert "Kohleablieferung"!

Über einige recht pointierte Artikel von S. Pallenberg bei mobilegeeks.de bin ich zufällig auf das 2015er Panel der Online-Werbewirtschaft (d3con) zu Werbefiltern gestoßen.

Ich selbst nutze seit 1998 verschiedene solche Filter, welche anfangs noch keine Browser Addons waren sondern eigenständige Software wie z.B. WebWasher (interessanterweise von Siemens).

Dabei habe ich mir weiter nichts Schlimmes gedacht ehrlich gesagt - und sie immer wieder installiert sobald ich mal einen Browser hatte, der das Internet so wiedergab, wie es inzwischen wirklich aussah.

Jetzt höre ich, dadurch gelte ich für die Werber ebenso wie - je nach Quelle - ~30-40% anderer Filter-User in Deutschland: als Täter!

Die wichtigsten Anklagepunkte des Vorsitzenden des BVDW (Lobbytruppe der digitalen Wirtschaft, er selbst heiß Matthias Ehrlich - Typ unsymphatischer Gebrauchtwagenhändler, Sanguiniker, niveaueingeschränkter Dampfplauderer) lauten:


  1. ich sei "Asozialer im eigentlichen Sinne"
  2. vergrößere - entgegen des Interesses der Onlinewerbewirtschaft - die reich vs. arm Schere
  3. behindere deren "volkswirtschaftlich und gesellschaftlich wichtige Aufgabe" - darüber hinaus auch den "Sozialbetrieb des Internets und gesellschaftlichen Fortschritt"

  4. gefährde das "Urheberrecht" durch Förderung von "Schutzgelderpressung", wodurch "Leute sich dumm und dämlich verdienen"

    Wow!

Wer selbst hören möchte findet die Aussagen hier
(~min14-19, die weiter unten erwähnten Sequenzen bei ~min22:46 und ~min40:45)



Die ersten 3 Punkte gebe ich nur wieder zur Illustration des PR-Echoraums der Lobby - auch wegen der unbeholfenen aber doch irgendwie witzigen Vergleiche und Bilder, die herangezogen werden.

Punkt 4 muß man wohl kurz erläutern: er richtet sich persönlich gegen einen der Betreiber des addons 'adblocker', der ebenfalls auf dem Panel sitzt. Gegen sie richten sich die lautesten Angriffe der Werbelobby, weil sie die größte Usergruppe haben, persönlich greifbar sind und vor allem weil sie seit einer Weile Werbung nicht mehr nur blocken sondern auch redaktionell zulassen/whitelisten, teilweise gegen Bezahlung.

Damit sind sie angreifbar geworden und haben auch einige User verloren, die jetzt open source addons wie ublock verwenden (mich übrigens eingeschlossen). Auf diesen letzten Punkt richtet sich auch die Kritik von Pallenberg im Paulus/Saulus Schema.



Um den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung zu verstehen muß man unterstellen, daß der Herr Ehrlich eine Kontentseite (z.B. spiegel.de) mitsamt aller dortigen Werbebanner für das schützenswerte Gesamtkunstwerk hält - und das zerstört der Filter. Naja, kann man ja mal versuchen so zu sehen - er will auf der Grundlage wohl auch klagen, schön für den Anwalt, der ihm das empfohlen hat und so, zugegeben, tatsächlich ein Beitrag zur Volkswirtschaft.
Es gibt übrigens auch ein addon, mit welchem man bei spiegel.de alle Großbuchstaben umwandeln kann - aus juristischen Gründen verrate ich aber nicht, welches das ist ;-)

Ehrlichs weitere Vorwürfe erreichen dann noch folgendes Niveau (sinngemäße Zitate):


  • es handele sich (bei adblocker) um "... eine Bude, die querschießt, Kohle bis zum Abwinken verdient und noch geküßt werden will dafür"
  • dabei sollten doch die "Knarren vor dem Salon abgestellt werden und man sich anständig benehmen"- dann folgt so etwas wie der Vorwurf des Schwarzfahrens anhand einer holprigen Beschreibung was er von einer "deutschen U-Bahn vs. derjenigen anderer Staaten erwartet, die eine solches zivilisatorisches Projekt nicht anzubieten haben ..."
  • zum Schluß dann noch einige logorrhoe'sche Einwürfe - eine Art Banner-Proll-Sprech - in eher loser Folge:
    • er (der adblocker-Typ) würde "Scheiß erzählen ... Kohle abzocken ... und [jetzt wird es endlich einmal real:] sein adblocker Chef war früher ein smarter Typ, der viel Kohle abgeliefert hat in seinem (Ehrlichs 'eigenen') Konzern" ...
    • "Du wirst gut bezahlt von deinem Laden - ich wäre auch schmerzfrei, wenn ich soviel Kohle verdienen würde und nicht meinetwegen ethische Ansprüche zu hoch setzte, dann würde ich wie du hier sitzen und genau denselben Scheiß erzählen, na klar ... ihr Mafia-Bande wollt euch doch jetzt nicht mit dem TÜV vergleichen?" usw. usw.

Soviel dazu ... es gibt in d3con's youtube-Kanal übrigens noch das 2016er Panel ohne Ehrlich - und schon steigt das Niveau.
Es sprechen dort sogar Werber, die adblocker als notwendiges Korrektiv loben und unterstellen, daß die Hälfte des Fachpublikums diesen ebenfalls verwendet. Leider erfolgt keine Umfrage im Auditorium - sowas ist für ein Lobbyevent zu willkürlich: interessant wären natürlich auch nicht die Null Handzeichen dazu sondern die Art des diese begleitenden Geraunes ;-)

Und es kommt sogar zu einem konstruktiven Vorschlag, dem ich mich anschließen würde: Internetnutzer (der content-Angebote) sollten die Wahl bekommen, wie der Deal aussieht, ob sie alternativ per


  • Werbeakzeptanz
  • Lieferung persönlicher Daten
  • cash 

für Inhalte bezahlen wollen. Wenn letzteres wie bei taz.de (micropayment) oder auch spiegel.de (pay later) angeboten wird nehme ich das gerne an. Ich bin mir nur nicht sicher, ob man dort aktuell dann nur den Inhalt bezahlt oder ob man sich von den bannern und trackern ebenfalls freikauft ...